Mitte der 1960er Jahre startete Fiat ein ebenso ehrgeiziges wie erfolgreiches Projekt: die Entwicklung einer Fahrzeugfamilie auf Basis der modernen und praktischen Limousine 124. Ein Projekt, das über nationale Grenzen hinaus zu einem weltweiten Erfolg wurde.
Die Planung der neuen Fiat Stufenhecklimousine erfolgte unter der technischen Leitung von Dante Giacosa. Seine Wahl fiel auf den klassischen Entwurf, wobei er die zeitgemäße Gestaltung hauptsächlich dem Design überließ. Die Innovationen, die er integrierte, fielen weniger ins Auge, sollten sich aber bald als erfolgreich erweisen.
So präsentierte der Turiner Autohersteller den neuen Fiat 124 auf dem Genfer Autosalon im März 1966. Dieses neue Modell fügte sich perfekt in das Segment der Mittelklassewagen ein, das zur damaligen Zeit den europäischen Markt weitgehend dominierte. Innerhalb der Modellpalette reihte er sich zwischen dem letzten Fiat 1100 R und dem amerikanisch anmutenden Duo Fiat 1300 – 1500 ein. Der 1100 R wurde zwar bis 1969 vertrieben, seine Leistung wurde aber reduziert, um ihn vom neuen Fiat 124 abzugrenzen, dem Nachfolgemodell des Fiat 1300, dessen Produktion bald auslaufen sollte. An die Stelle des Fiat 1500 folgte dann 1967 der Fiat 125.
Die kantigen Formen galten in der damaligen Zeit als sehr modern. Der neue Fiat 124 war eine klar unterteilte Stufenhecklimousine mit vier Türen. Durch die größere Breite und geringere Höhe wirkte sie jedoch sportlicher als der Fiat 1100 R und der Fiat 1300. Mit einer Länge von etwas mehr als vier Metern lag das neue Modell zwischen den beiden Schwesternmodellen.
Der geräumige und helle Innenraum bot Platz für bis zu fünf Passagiere. Die Sitzposition war bequem, alle Bedienelemente waren leicht zu erreichen und die große Fensterfläche sorgte für eine hervorragende Sicht. Auch die Anordnung im Kofferraum war durchdacht: Der Benzintank befand sich auf der rechten Seite, während das Reserverad auf der linken Seite in vertikaler Position verstaut war. Diese Anordnung war besonders sinnvoll, da man auch bei beladenem Kofferraum leicht an das Reserverad herankam.
Das Layout mit Frontmotor und Heckantrieb blieb traditionell, während die Mechanik und das Fahrwerk eine fortschrittliche Entwicklung waren. Unter der Motorhaube brachte es der Vierzylinder mit 1.197 cm³ Hubraum, einer seitlichen Nockenwelle und über Stößel und Kipphebel betätigten Ventilen auf 60 PS. Der Entwurf von Ing. Lampredi sah die Verwendung von fünf Hauptlagern vor, auf denen die Kurbelwelle lief: Dies war ausschlaggebend für die Robustheit und Langlebigkeit des Fahrzeugs.
Auch das Fahrwerk wies technische Weiterentwicklungen auf, insbesondere an der Hinterachse. Die Starrachse war auf Schraubenfedern mit innenliegenden Teleskopstoßdämpfern anstelle von traditionellen Blattfedern aufgehängt und stellte eine modernere Lösung dar. Darüber hinaus sorgte ein wirkungsvoller Panhardstab für eine deutliche Verbesserung der Stabilität, während Stabilisatoren an Vorder- und Hinterachse das Fahrwerk vervollständigen. Die Bremsanlage bestand aus vier Scheibenbremsen, zunächst ohne Bremskraftverstärker, aber mit einem Regler an der Hinterachse. Die Leistung war für die damalige Zeit bemerkenswert und wurde durch den umsichtigen Einsatz von Materialien unterstützt, was ein Trockengewicht von nur 855 kg ermöglichte.
Im November 1966 feierte die Kombiversion namens Familiare auf dem Turiner Autosalon ihr Debüt. Dieses Modell mit Heckklappe bot Zugang zum größeren Laderaum, verfügte über eine dritte Seitenscheibe, hatte einen größeren Benzintank sowie entsprechende Reifen und ein für die höhere Belastung geeignetes Achsübersetzungsverhältnis. Doch es gab noch mehr. Das Projekt „124“ sah auch zwei Sportversionen vor. So entstanden der von Pininfarina entworfene Fiat 124 Sport Spider, der ebenfalls 1966 in Turin vorgestellt wurde und sich bis zum erfolgreichen Fiat 124 Abarth Rally weiterentwickelte, sowie das Fiat 124 Sport Coupé, das aus der Feder des Centro Stile Fiat stammte und 1967 in Genf der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Beide Modelle waren mit dem berühmten „Lampredi-Doppelwellenmotor“ ausgestattet, zunächst mit 1,4 Litern Hubraum und 90 PS beim Spider. Beim Coupé wurde der Motor auf 1,6 Liter und 110 PS gesteigert, sollte aber noch weiter wachsen.
Die Gesamtqualität, insbesondere das Preis-Leistungs-Verhältnis, wurde sowohl vom Publikum als auch von Fachleuten sofort wohlwollend aufgenommen. Das führte dazu, dass der Wagen im Rahmen der vierten Ausgabe der renommierten Auszeichnung zum Auto des Jahres 1967 gewählt wurde. Mit dem Fiat 124 begann die lange Serie von Auszeichnungen, in der Fiat mit neun Fahrzeugen auf dem ersten Platz noch heute die Rangliste anführt.
Das komplexe Projekt „124” umfasste nicht nur verschiedene Karosserievarianten, von der Limousine über den Kombi bis hin zum Coupé und Spider, sondern reichte auch über die nationalen Grenzen hinweg, mit einer Großserienproduktion in verschiedenen Ländern, allen voran in der Sowjetunion und in Spanien.
Der Fiat 124 war für mehrere ausländische Absatzmärkte bestimmt, was ihn zu einem echten „Global Car” machte. So unterzeichneten am 4. Mai 1966 Vittorio Valletta in seiner Eigenschaft als CEO von Fiat und der Minister für die sowjetische Automobilindustrie AMT Alexandr Mikhailovich Tarasov im Hauptsaal des Centro Storico Fiat eine erste Vereinbarung, auf die am 15. August desselben Jahres in Moskau der Abschluss des endgültigen Protokolls folgte.
Der Vertrag zwischen Fiat und der sowjetischen Regierung sah vor, dass das Turiner Unternehmen ein komplettes Projekt für das Werk lieferte und den Sowjets die Entwürfe und gewerblichen Schutzrechte für zwei vom Fiat 124 abgeleitete Fahrzeugmodelle übertrug, die an die besonderen Klima- und Straßenverhältnisse der UdSSR angepasst wurden. So entstand in der Region Samara in der Nähe der Stadt Togliatti das große Werk AvtoVAZ, das 1970 seinen Vollbetrieb aufnahm. Von der großen Montagelinie rollte der Lada-VAZ 2101, besser bekannt als Shiguli, vom Band: eine Version mit verstärkter Hinterachse der Fiat 124 Limousine und des Kombis.
Dies hatte enorme Auswirkungen auf die sowjetische Produktion, die zwischen 1965 und 1972 von 200.000 Einheiten auf 1,2 Millionen Einheiten anstieg. Der Shiguli lieferte nicht nur viele Komponenten für den späteren Geländewagen Lada Niva (VAZ 2121 von 1977), sondern blieb trotz einiger Weiterentwicklungen im Wesentlichen der ursprünglichen Version treu, die bis 2012 hergestellt wurde.
Die Produktion im Ausland beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Sowjetunion. Schon seit den 1950er Jahren lieferte Fiat aufgrund der Aktienbeteiligung sein Know-how an den spanischen Hersteller Seat. Nach dem nationalen Verkaufserfolg der spanischen Version des Fiat 600 kam 1968 der Seat 124 auf den Markt. Dieser wurde für kurze Zeit auch in Italien als Seat 124D Pamplona vertrieben, nachdem 1974 der Fiat 131 den Fiat 124 abgelöst hatte. Neben Spanien wurde der Fiat 124 auch in vielen anderen Ländern produziert, insbesondere in der Türkei, Indien und Südkorea.